Jahrgangstreffen 2013

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Ausgewandert

Kanada
Kanada

Kanada - Schon als sie nach Kanada auswanderte, hatte sich Elisabeth Lapinska mit der indianischen Kultur beschäftigt. Dies änderte sich auch in den vergangenen zehn Jahren nicht, in denen sie Kanada erlebte. Sie faxt uns ihre Eindrücke von einem indianischen Fest - dem Pow Wow - in Toronto und berichtet von ihrem Vorhaben, die kanadische Staatsbürgerschaft anzunehmen

Von Elisabeth Lapinska

Wir sind jetzt schon fast zehn Jahre in Kanada und fühlen uns wohl hier. In diesem Jahr habe ich auch einen Antrag auf die kanadische Staatsangehörigkeit gestellt und gelte so laut Auskunft des hiesigen deutschen Konsulates schon nicht mehr als Deutsche - bin sozusagen "entdeutscht" - auch wenn ich meine Prüfung für die kanadische Staatsbürgerschaft noch nicht abgelegt habe. Dies wird in den nächsten Monaten passieren. Dann werde ich allerlei Fragen zur Geschichte, Geographie und Politik Kanadas beantworten müssen. Nach erfolgreicher Prüfung werde ich dann als kanadische Staatsangehörige in einer feierlichen Zeremonie vereidigt.

Viele meiner Freunde besitzen schon mehrere Jahre die kanadische Staatsbürgerschaft, weil sie die ihres Heimatlandes behalten durften. Die deutsche Regierung erlaubt leider eine doppelte Staatsbürgerschaft nur in Einzelfällen. Anfangs hatte ich sicher einige Bedenken, die deutsche aufzugeben. Aber mittlerweile finde ich es nur richtig, meine Liebe und Zugehörigkeit zu Kanada auch offiziell zu besiegeln. Die Doppelstaatsbürgerschaft ist für viele Menschen eine angenehme Sache, aber ich glaube, daß man im Grunde doch nur einem Land richtig angehören kann, vor allem, wenn man dort lebt, seine Kinder erzieht, Steuern zahlt und nicht vorhat, wieder in sein früheres Land zurückzukehren. Wichtig ist doch, daß man sich im Laufe der Jahre immer mehr dem neuen Land verbunden fühlt und sich gleichzeitig aus der alten Heimat auch innerlich löst.

Kanada hat mich schon seit meiner Kindheit fasziniert, und viele meiner Vorstellungen waren natürlich mit den Bildern der gewaltigen Natur und mit den Indianern verbunden. So hatte ich schon ein großes Interesse an deren Kultur und Geschichte mit nach Kanada gebracht. Über die Jahre habe ich dies dann auch durch viel Lesen und die entsprechenden Fernsehprogramme gepflegt und weiter ausgebaut. In meinem ersten Jahr in Kanada habe ich regelrecht Ausschau nach Indianern gehalten: in der U-Bahn oder im Stadtgetümmel. Und ich war bestürzt, daß man sie vorwiegend unter den Bettlern und Obdachlosen findet. Viele leben leider am unteren Ende der Gesellschaft. Das Image von den herumlungernden Betrunkenen und Sozialhilfeempfängern wird sicher auch von den Touristen drüben vermittelt und herrscht leider auch hier in der öffentlichen Meinung vor. Kulturell entwurzelt und zwangsintegriert in eine Gesellschaft, die sich in vielem von den eigenen Wertvorstellungen und Ansprüchen unterscheidet, haben viele von ihnen den Anschluß verloren.

Kanadische Regierung unterstützt junge Indianer

Andererseits entwickelt sich doch in den letzten Jahren immer stärker das Bedürfnis, gerade in jungen Indianern, ihre eigene Identität, die das kulturelle Erbe bewahrt, zu finden. Die kanadische Regierung ist bemüht, dies mit allerlei Hilfen und speziellen Programmen zu unterstützen. Dies konnte ich wieder bei einem der jährlichen Pow Wows hier in Toronto erfahren. Diese Pow Wows sind Begegnungsfeste, an denen Indianer aus ganz Nordamerika zusammenkommen, ihre traditionellen Kostüme und Tänze im Wettbewerb aufführen, ihre Gesänge vortragen und Kunsthandarbeiten zum Verkauf anbieten - so eine Art indianischer Jahrmarkt. Zudem können sich junge Indianer über Programme informieren, die ihnen bei der Ausbildung helfen, um Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit zu entkommen. Jeder Tourist, der ernsthaft an Kanada interessiert ist, sollte ein solches Pow Wow besuchen.

Anfang Dezember fand eines der größten im Skydome, dem riesigen Baseball-Stadion von Toronto, statt. Ich besuchte es zusammen mit meinen beiden Kindern Nicholas und Dorothy. Auch wenn sich das Interesse an solchen Veranstaltungen in der Vergangenheit gesteigert hat, ist es schon traurig anzusehen, daß jedes Baseballspiel mehr Zuschauer anzieht als das Pow Wow. Als wir das Stadion verließen, sahen wir viele Touristen in einer Schlange stehen, um auf den benachbarten CN-Tower zu kommen. Sie hatten das "echte" Kanada also nur um ein paar Meter verpaßt. Die Niagarafälle bekommt wohl jeder Tourist zu sehen, der Besuch eines Pow Wows ist aber eine besondere Erfahrung, die leider viele Kanada-Besucher verpassen. Selbst viele Einheimische waren noch niemals dort und sind ganz begeistert, wenn sie die Gelegenheit einmal wahrnehmen und es sich ansehen.

Ich lese viel über die Mythologie der einzelnen Stämme und finde ihre reiche Spiritualität sehr beeindruckend. Ich beschäftige mich besonders mit den Oijibwas, die hauptsächlich in Nordontario ansässig sind. In den Jahren hier habe ich schon Dutzende von Dreamcatchern, Traumfängern, gekauft und an Freunde und Familie in Übersee verschenkt. Diese Dreamcatcher, spinnennetzartige Kreise mit Federn daran, wurden an den Schlafplätzen aufgehangen und hielten die guten Träume in ihrem Netz fest, damit sie noch ein weiteres Mal geträumt werden konnten. Gleichzeitig filterten sie die schlechten Träume an den Federn, wo sie von der Morgensonne verbrannt wurden.

(24.12.1997)

Quelle: General Anzeiger, Bonn